paradox of time ⟨sometimes making nothing leads to something⟩ 2014

Schlimm war die hypochondrische Paranoia.
Obwohl ich Tabletten nahm, die mein Blut verdünnten
und viel Wasser trank,
stieg bei jedem Zucken,
jedem Pochen in Kopf oder Brust
die panische Angst vor einem Herzinfarkt,
einem Schlaganfall,
vor Thrombose, einer Hirnblutung oder einer Lungenembolie in mir auf.
Nur um kurz vom Auslöser der Kamera unterbrochen zu werden, der mich dazu zwang, meinen Kopf nach links zu neigen.
Natürlich hatte ich auch die gegenteilige Angst:
Dass mein Blut zu dünn wäre, und mir,
wie in der Packungsbeilage unter dem Punkt "Nebenwirkungen" beschrieben,
aus allen Öffnungen und Poren dringen könnte,
dass ich mich zu fest kratzen könnte, und sich die Haut ablöste, und ich verblutete.
Dass die Kressesamen Wurzeln in meiner Haut schlagen, sie einwachsen,
sich meine Hand oder mein Oberschenkel entzünden würden,
und es zu einer Sepsis käme.
Dass die Haut meiner linken Hand zu sehr aufweichen,
ich den Tastsinn verlieren
und man den ganzen Arm würde amputieren müssen. Dass der Scheinwerfer auf Dauer zu hell für meine Augen wäre,
die sich,
wie in den Nebenwirkungen beschrieben,
mit verdünntem Blut füllen könnten,
und ich zunächst alles rot sähe und schließlich erblinden würde.
Dass ich Blut im Urin hätte,
weshalb ich mit geschlossenen Augen pisste.
Schlimm waren die Nächte,
wenn ich alle paar Minuten aufschreckte,
nachdem ich geträumt hatte, dass ich mich bewegte,
dass mir die Hand vom Oberschenkel gerutscht wäre.
Wenn selbst bei geschlossenen Augen alles rot
und von Licht durchdrungen war
und ich fror
weil ich mich nicht zudecken konnte
und die Feuchtigkeit meiner Hand in alle Richtungen ausstrahlte.
Wenn ich das Zeitgefühl verlor und ich wusste,
dass noch eine Nacht folgen würde
und ich unbedingt schlafen wollte, und nicht konnte,
und mich nicht bewegen,
keinen Kopfpolster verwenden,
mich nicht zusammenrollen
oder auf den Bauch legen durfte.
Schlimm war die Langeweile,
schlimm ihre Unterbrechungen,
die Fragmentierung der Zeit durch das Piepsen der Kamera,
zwei Sekunden bevor sie auslöste,
alle vierzig Sekunden,
und dem Klicken des Spiegels,
das besonders in der Nacht unendlich laut zu sein schien.
Schlimm war der Geruch frischer Kresse,
den ich noch nie mochte,
und der permanent von meinem Oberschenkel ausströmte.
Schlimm der Geschmack,
der tagelang nachwirkte.
Doch vor allem machte es mich wahnsinnig,
mich nicht bewegen zu können.
Nur einmal am Tag aufstehen zu dürfen,
um kurz auf die Toilette zu gehen,
nur um die Liege aus einer anderen Position zu sehen,
für einen Moment,
um sich wieder auf sie zu legen,
um wieder den Laptop zu sehen,
auf dessen Bildschirm die Fotos aufschienen,
die gerade hochgeladen worden waren.
Wieder regungslos zu verharren,
wieder alle 38 Sekunden das Piepen der Kamera zu hören,
(das ich irgendwann nicht mehr einordnen konnte,
und für das Klingeln eines Telefons,
für eine Autoalarmanlage
oder für bloße Einbildung hielt.
Wodurch ich langsam zu der Gewissheit gelangte,
ich würde den Verstand verlieren,
wenn ich nur lange genug ausharrte,)
und ich meinen Kopf zur Seite drehte
und mein Nacken schmerzte
und ich mir den nächsten Schlaganfall einbildete.
Und wie gerne hätte ich Kaffee getrunken,
der tabu war, weil verdauungsanregend,
oder mir die Zähne geputzt,
das Gesicht gewaschen,
mich in die Badewanne gelegt,
oder ein Bier hinuntergestürzt
Erst einige Tage nach der Performance wurde mir klar,
dass das eigentliche Thema weniger jenes der Metamorphose,
als jenes der Zeit war.
Dass ich die Zeit raffte
um einen Prozess darzustellen
und anschließend wieder dehnte
um meinen Prozess klarzumachen,
auch, um der Langeweile Rechnung zu tragen.

Denn jedes Kind weiß,
wie das Wachstum von Kresse
im Zeitraffer aussieht.