Friedensdenkmal Molln  2015

Sebastian Gärtner Friedensdenkmal Molln

Die Verwendung dauerhafter Materialien mit starkem, symbolischen Gehalt ist ebenso ein Merkmal traditioneller Kriegerdenkmäler, wie die Durchsetzung mit militärischen und religiösen Symbolen und die Stilisierung des Heldentums: das Denkmal des 20. Jahrhunderts gibt sich die allergrößte Mühe, gegen das Verschwinden anzukämpfen.
Eine zeitgenössische Lösung hingegen muss es sich zum Ziel setzen, gegen das Vergessen anzukämpfen. Es muss sowohl die Geschichte, die es zum Inhalt hat, als auch die eigenen Entstehungsbedingungen und Voraussetzungen reflektieren.
Diesem Gedanken wird beim Friedensdenkmal Molln Rechnung getragen: Es handelt sich um ein Denkmal aus Papier. Dieses Material verhält sich wie die Erinnerung selbst: es verblasst, es ist zerbrechlich und unsicher. Zudem ist es das Material des Krieges schlechthin: Kriegserklärungen, Einberufungen, Befehle, Todesnachrichten und Friedensverträge wurden ebenso auf Papier geschrieben wie Verlustlisten oder historische Abhandlungen.

Sebastian Gärtner Friedensdenkmal Molln

Für das Denkmal wurden 500.000 Bögen DIN A4 Papier zu 50 Blöcken, jeweils einen Meter hoch, aufgestapelt. Dieser Kubus wurde zur Hälfte im Boden versenkt und durch Sicherheitsglas geschützt. Um den Papierblock wurde ein Spalt freigelassen, der von einem weiteren Glaskubus umschlossen ist. Die Maße des Friedensdenkmals entsprechen jenen des alten Kriegerdenkmals und betragen 3x1x1 Meter - denn auch Geschichte und Vorgänger des Denkmals sollen Eingang in die Auseinandersetzung finden Dennoch sollte das Denkmal nicht - wie sein Vorgänger - zum Altar werden. Es wurde, im Gegenteil, zur Hälfte in der Erde versenkt, um den Papierblock ein schmaler Spalt freigelassen, einen halben Meter unter dem Bodenniveau. Dadurch wird die Aura des Religiösen abgelegt zugunsten einer Aura des Archäologischen.

Sebastian Gärtner Friedensdenkmal Molln

Im Unterschied zu klassischen Denkmälern, die dem Vergessen durch gemeißelte und gravierte Schrift entgegenwirken wollen, wurde hier die einzige Schrift zum Einsatz kommen, die der Erinnerung ad äquat ist - die Geschriebene. Nicht gedruckt, nicht gemei ßelt oder gelasert, sondern mit Tinte per Hand auf die Papieroberfläche geschrieben. Jeder Name einzeln. Um der Anonymisierung und Pauschalisierung genormten Papiers entgegenzuwirken, müssen die Opfer selbst in die Individualität gehoben werden, heraus aus dem militärischen Feld. Denn die wenigsten dieser Männer waren Soldaten - sie waren Zivilisten, die von einem gewalttätigen Regime instrumentalisiert und in den Tod geschickt wurden. Doch in der Erinnerung bleiben sie Soldaten, wenn auf den Denkmälern zu ihren Ehren noch immer die Inschriften und Embleme der Wehrmacht zu sehen sind. Es ist die Verantwortung der Nachkommen, dieses Bild zurecht zu rücken, und den Opfern dieses Krieges in erster Linie als Zivilisten zu gedenken, die aus der Mitte der Bevölkerung gerissen wurden. Um diesen Gedanken zu unterstreichen, wurde die Oberfläche des Denkmals als Landkarte begriffen, auf der nichts anderes eingezeichnet wurde, als die Namen der Gefallenen an den Stellen ihrer Wohnorte. Durch die Kalligraphie zeichnet sich eine rudimentäre Karte Mollns ab, an der man ablesen kann, wo der jeweilige Gefallene wohnte, wo seine Familile lebte, aus welchem Umfeld er gerissen wurde..

Sebastian Gärtner Friedensdenkmal Molln

Erinnerung im Glas (DER STANDARD)


Molln erinnert sich nicht an Helden, sondern an Todesopfer (OÖN)