four frames  2015

Sebastian Gärtner four frames

was fürn langweiliger scheiß.
zum vierten mal zeichne ich dasselbe bild.
fast dasselbe bild, aber das spielt eigentlich keine rolle, wenn man den überblick verliert.
zunächst die haare. diese beschissenen, dichten haare, die mir mein großvater ebenso vererbt hat, wie seinen hang zum übergewicht. der mann ist fast neunzig und hat dichteres haar als heinz fischer und carles puyol zusammen.
und dass man sich da zurechtfände, wenn man dieses haupthaar zu zeichnen versucht, das ist ausgeschlossen. da hatte ich jahrelang einen rasierten schädel und nur videos gemacht, und kaum sind meine haare auf eine unübersichtliche länge gewachsen, zeichne ich ei selbstportraits.
und als würde es nicht genügen, dass man die orientierung verliert, wenn man versucht, sich in dieses gewirr aus locken und strähnen und krausem einzelhaar zu vertiefen, und dass das handgelenk zu schmerzen beginnt, und der rücken, weil die schwungrichtung der locken einer natürlichen handbewegung und körperhaltung zuwiderläuft, als würde das alles nicht genügen, werden die hände auch noch so dreckig von dem ganzen graphit, dass man mit dem handballen unfreiwillig den ganzen hinergrund patiniert und nicht mal eine zigarette rauchen kann, ohne sich den ganzen dreck auch noch aufs gesicht zu schmieren.
und dann erst der bart! Diese elende pornoleiste in kombination mit dem dreitagesbart, bei dem man jeden stoppel einzeln zeichnen muss. und das vier mal.
jeden bartstoppel vier mal.

Sebastian Gärtner four frames

jede schraubzwinge vier mal und jeden schragen vier mal, und auch jeden finger vier mal.
kopf, haar, gesicht − das geht am besten von der hand − linke schulter, achsel, schraubzwinge, brust, sägeblatt, linke hand, rechte hand, bauch, nochmal sägeblatt und schragen. die brusthaare habe ich dann doch weggelassen, vor allem weil franz meinte, sie sähen lächerlich aus.
aus seine perspektive müssen sie das vermutlich auch, immerhin hat dieser mensch mehr haare auf der brust als ein zypriotischer zuhälter. meine brust hingegen könnte man mit der eines zwölfjährigen verwechseln, zeichnete sich darunter nicht der ansatz eines beachtlichen bierbauchs ab.

besten dank auch, opa.

den bauch zu zeichnen macht jedenfalls mehr spaß. vor allem die fettwülste, die sich unter dem uralten seil abzeichnen, das ich als kind in unserer garage entdeckt hatte. am unterhaltsamsten war es aber, die oberfräse, die ich mir endlich geleistet habe, zu einer tischfräse umzubauen.
wirklich erstaunlich, dass das funktioniert hat.
das fräsen an sich war auch ganz witzig, wenn man einmal davon absieht, dass es wirklich laut war, und meine mitbewohner, im gegensatz zu mir, keine ohrenschützer hatten. aber das ist gottes gerechte strafe dafür, dass ich der einzige in der wohnung bin, der sich bemüßigt fühlt, hin und wieder das geschirr abzuwaschen.

in your face!

und als wären die haare und der bart und die tatsache, dass ich die ganzen rahmenleisten mit dem bus aus brunn am gebirge nach leopoldstadt transportiert habe, nicht schon genug, musste ich arschloch das sägeblatt auch noch mit heißkleber auf einen fußabstreiferstreifen picken.
zeichne einmal ein, mittels heißkleber und antikem seil auf einen fußabstreiferstreifen montiertes, sägeblatt!

Sebastian Gärtner four frames

das ist der hinterletzte dreck!

es wird wirklich zeit, dass ich das vierte bild endlich fertig mache.
seit einem monat liegt es auf meinem zeichentisch, und ich mag mein arbeitszimmer schon gar nicht mehr betreten, weil ich jedes mal von meinem halbfertigen, vorwurfsvollen gesicht angestarrt werde.
ich hab sogar meinen computertisch umgestellt, dass sich das bild in meinem rücken befindet.
im ernst jetzt: ich hab mir sogar html und css beigebracht und eine homepage programmiert, nur um nicht dieses bild zeichnen zu müssen, ich hab gratis ein logo für die samtfußrüblingzucht meines cousins, eine malschablone für den armgips meiner cousine und eine einladung für den sechziger meines vaters entworfen, nur um nicht dieses bild zeichnen zu müssen, und ich war tatsächlich auf dem besten weg, mir einen neuen küchentisch und ein scheiß hochbett zu bauen, nur um nicht dieses bild zeichnen zu müssen.
sogar meinen monitor habe ich kalibriert, und ein haus in großharras, dessen miete ich mir sowieso nicht leisten kann, habe ich besichtigt, nur um nicht dieses gottverdammte bild zeichnen zu müssen.
mittlerweile glaube ich sogar, dass ich mir selbst die grippe, die ich letzte woche hatte, unbewusst zugelegt habe, nur um eine gute ausrede zu haben, nicht dieses bild zeichnen zu müssen.

aber bald ist es fertig.
nur die haare fehlen noch.
und das sägeblatt
und der bart.

Sebastian Gärtner four frames

two performances

nachdem ich mehrere leisten getestet hatte, entschied ich mich für ahorn.
zwar ist das holz für meine zwecke fast zu hart.
doch fichte hätte keinen präzisen schnitt ermöglicht.
ich band die konstruktion mit dem kindheitsseil auf meiner brust fest.
ich befestigte die leisten und kniete mich auf den boden.
schräg vor mir die kamera im intervallaufnahmemodus.
Ich setzte das sägeblatt an der markierten stelle an, und begann zu atmen.
atmete, so tief ich konnte, ein, und versuchte dabei bauch nach vorne und schultern nach oben zu drücken.
atmete dann folgerichtig, so tief ich konnte wieder aus, und ließ meinen oberkörper in sich zusammensacken.

Ich hatte das gefühl, ich wäre bei einem yogakurs, oder bei sonst einer unsäglichen, fernöstlichen trendsportart, bei der man, bevor man beginnt sich in alle himmelsrichtungen zu verbiegen, zunächst einmal ganz, ganz bewusst atmen muss, um sich zu vergewissern, dass man lungen besitzt und eine luftröhre, und dass man, ganz allgemein, noch am leben ist, und nicht im fitness−fegefeuer.

unendlich langsam fraß sich das sägeblatt in die holzleiste.
das würde lange dauern.
die knie würden schmerzen, und die fußgelenke
und ich würde ausschlag bekommen, von diesem uralten, spröden garagenseil, das die haut bei jedem atemzug aufscheuerte.
die schnitte würden nicht exakt genug werden.
und am ende würde mir sowieso keiner glauben
dass ich diese 16 ahornleisten
nur mit meiner atmung zersägt hatte.

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