19 days ⟨handbred quail⟩ 2013

Sebastian Gärtner 19 days handbred quail

Ich kaufte 20 Schrauben und Muttern.
Einen roten Gurt mit Schnalle.
Zwei Metallplättchen.
Mehrere Rollen selbsthaftende Bandage.
Ethylalkohol.
Eine Canon Ixus 30 mit 2GB SD-Karte und Aufladegerät.
Fünf Akkus.
Zwei biegsame Aluminiumschienen.
Zwei Rettungsdecken und Watte.
Zwölf Wachteleier.
Eine Infrarotlampe.
Eine LED-Taschenlampe.
Und ein Montageband aus Aluminium.
Am meisten Sorgen bereitete mir die Kamera.
Denn kaum ein Modell, das klein genug ist, um es auf meinem Ellenbogen zu montieren,
lässt Intervallaufnahmen zu.
Und wenn ein Modell Intervallaufnahmen zulässt, so ist der Akku nicht austauschbar.
Ich hackte die Software der Ixus, nach der ich tagelang gesucht hatte.
Ich telefonierte mit mehreren Wachtelzüchtern, um ein Ei zu kaufen.
Doch sobald ich mein Vorhaben schilderte, wollten sie mir keines geben.
Sie glaubten, ich würde sie zum Narren halten.
Glücklicherweise lassen sich Bruteier online bestellen − Mindestmenge zwölf Stück.
Ich besorgte zwei Thermometer, Wärmepflaster und einen Taschenofen, um die Temparatur meiner Hand zu steigern.
Ohne großen Erfolg.
Meine Körperwärme würde genügen müssen.
Es widerstrebte mir, einen Brutkasten in meiner Hand zu bauen.
Meine Hand allein sollte der Brutkasten sein. Darum ging es.
Alles sollte so einfach wie möglich gehalten werden.
Ich verzichtete darauf, ein Thermometer an meinem Handgelenk zu installieren.
Weder traute ich den Messungen,
noch würde ich etwas dagegen unternehmen können, wenn die Temparatur zu gering wäre.
Ich machte Materialversuche.
Kaufte Stoffe und Baumwollhandschuhe, packte ein Versuchsei in Watte, legte es in meine Hand und umschloss es mit meinen Fingern. Dann legte ich die Schiene an, darüber Samt, Bandagen und einen Teil der Rettungsdecke. Ich maß die Temparatur, erhielt zu viele verschiedene Werte, änderte den Aufbau, vertraute auf mein Körperempfinden, wiederholte den Vorgang.
Am Morgen des 25. April 2013, meines 27. Geburtstages, umschloss ich das Ei, um es erst in 19 Tagen wieder loszulassen.
Von kleineren Unterbrechungen abgesehen.

Als ich nach 54 Stunden erstmals den Verband abnahm,
waren meine Finger weiß und aufgequollen.
Die Bandagen hatten sich eingeschnitten, meine Hand war taub.
Ich installierte das Infrarotlicht in meinem Kleiderkasten.
Ich maß Temperatur und Luftfeuchtigkeit.
Hängte das Licht tiefer, um die Hitze zu steigern.
Ich legte den Boden mit Watte aus,
und das Ei in den Kasten.
Ich ließ es einige Zeit dort.
Das hatte ich nicht geplant,

Sebastian Gärtner 19 days handbred quail

doch ich musste meine Hand versorgen.
Sie ins Wechselbad legen,
um die Durchblutung wieder anzuregen.
Sie dick mit Salbe einschmieren.
Sie unentwegt kneten und schütteln und bewegen.
Sie desinfizieren.
Mich beruhigen, um den Gedanken zu vertreiben, man müsse sie
amputieren.
Meinen Hausarzt anrufen, der meinte, dass das nicht nötig
sein werde.
Von nun an würde ich den Verband täglich wechseln.
Am selben Tag hatte die IXUS ihren Geist aufgegeben.
Ich musste auf meine Backup-Kamera umsteigen.
Leider hat sie keinen Sucher, und schaltet daher nach jedem Foto
das Display ein.
Die Akkulaufzeit hat sich dadurch halbiert.
Ständig laufe ich mit mindestens sieben Akkus durch die Gegend,
um am Ende nicht
mit leeren Händen dazustehen.
Ich komme mir immer mehr verstümmelt vor.
Das liegt nicht an meiner Hand, es liegt an den Blicken,
die ich ernte.
Offenbar glauben die Leute, ich sähe sie nicht, wenn sie aus
den Augenwinkeln meine Hand anstarren
und glauben, ich wäre schwer verletzt.
Kaum jemand spricht mich darauf an.
Langsam geht mir das auf die Nerven.
Nach zwei Wochen begannen die Schmerzen.
Meine Haut erholte sich zwar besser,
doch die Sehnen auf meinem Handrücken entzündeten sich.
Die Amputationsängste blieben diesmal aus.
Mein Arzt meinte, es wäre kein Problem, solange ich kein Fieber
bekäme.
Zudem schwand der Glaube, dass das Projekt erfolgreich sein
könne.
Die Blicke der Leute enervierten mich zunehmend.
Hatte ich mich anfangs gefreut, wenn mich jemand ansprach
und mir Fragen stellte zu meinem Projekt,
so hatte ich jetzt endgültig genug davon.
Immer waren es dieselben Fragen.
Es reichte.
Jedesmal meine Mitbewohnerin bitten, mir die Schuhbänder
zu binden,
kein Gemüse, kein Fleisch schneiden,
keine Zigaretten drehen zu können,
sich nicht schnell eine Jacke überziehen,
keine Pfeffermühle bedienen,
keine Marmeladengläser aufschrauben,
sich nicht den Rücken abtrocknen zu können,
nicht multitaskingfähig zu sein,
beim Telefonieren nicht rauchen oder zeichnen zu können,
stundenlang zu brauchen, um etwas zu tippen,
um einen Bleistift zu spitzen,
nicht laufen, nicht tanzen zu können,
jede Nacht von Fehlgeburten zu träumen,
von Zellhaufen, von zerdrückten Eiern und sterbenden Küken,
immer wieder aufzuschrecken und sich zu vergewissern,
dass man das Ei noch immer hielt
und es unversehrt geblieben war.